Der wutverzehrende Daemon – Eine Shaolin-Geschichte

Es war einmal ein Königreich, dessen Herrscher für kurze Zeit verreiste. Während seiner Abwesenheit betrat ein Dämon den Palast. Er war von unbeschreiblicher Häßlichkeit, stank erbärmlich, und seine Worte waren so ekelhaft, daß die Wachen und Palastbediensteten vor Entsetzen erstarrten. So gelangte der Dämon in den großen Saal und setzte sich dort auf den Königsthron. »Raus mit dir«, brüllten die Soldaten und Diener, »hau ab!« Daraufhin wurde der Dämon aber noch größer, noch häßlicher, stank noch unerträglicher, und seine Sprache wurde noch obszöner. Der Zorn der Wärter wuchs, ihr Schimpfen wurde heftiger – und der widerwärtige Dämon immer noch riesiger und abscheulicher. Als der König zurückkam, wußte er gleich, was er zu tun hatte, denn er war ein weiser Mann. »Willkommen«, sagte er voller Herzlichkeit, »willkommen in meinem Palast. Hat dir schon jemand etwas zu trinken oder zu essen angeboten?« Diese wenigen freundlichen Worte nahmen dem Dämon ein bißchen von seiner Größe und Scheußlichkeit. Die Bediensteten begriffen schnell. Sie brachten dem Dämon Tee, richteten ein leckeres Menü an und massierten ihm die Füße. Jede Liebenswürdigkeit ließ den Dämon immer weiter schrumpfen. Und nach einer allerletzten Freundlichkeit war er schließlich ganz verschwunden.

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Unser Umgang mit anderen

Konflikte und nervenaufreibende Auseinandersetzungen mit unseren Mitmenschen – in der Familie, im Beruf, in der Gemeinde oder auch nur im Straßenverkehr – sind keine Seltenheit. Verbissen geht es dabei oft um den eigenen Sieg und die Niederlage des anderen.

Gemäß dem Motto: Ich entwickle innere Stärke, indem ich andere respektiere und wertschätze, können wir unsere Interessen aber auch ohne Kampf verfolgen.

„Die höchste Ebene des Kampfes ist es, nicht zu kämpfen.“ (Tibetischer Buddhist)

„Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft.“ (Sun Tsu, chin. General, um 500 v.Chr.)

Unterschiedliche Erwartungen, Einstellungen und Werte der Menschen, die aufeinandertreffen oder Beziehungen und Vertragsverhältnisse eingehen, bilden den Kern aller Konflikte.

Siehe auch Kurzreferat: Vertrag zum Vertragen

„Es gibt nur eine falsche Sicht der Dinge:
der Glaube, meine Sicht sei die einzig richtige.“ (Nagarjuna)

Meist ist es äußerst sinnvoll, sich in die Lage seines Gegenübers hinein zu versetzen und zu versuchen die Welt aus seinen Augen, mit seinen Informationen zu betrachten. Es ist dann viel einfacher zu erkennen, welche Informationen fehlen, um die Wahrnehmung zu erweitern oder gar vom Schein auf das Sein zu lenken, auf eine Realität, die den Frieden aller Menschen im Einklang mit der Natur gestaltet.

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Achtsam und freundlich miteinander leben

Da wir aber nicht allein auf der Welt sind, gehört zu unserem Glück auch immer unser Verhältnis zu anderen Menschen. Als soziale Wesen sind wir sogar abhängig von anderen Lebewesen, vor allem von denen, die uns nahestehen, wie unsere Familien, Freunde, Kollegen, Kunden oder Chefs. Deshalb gehört zu unserer eigenen Stärke immer auch die Stärke, die wir im Umgang mit anderen haben.
Es ist ein Grundprinzip der Shaolin-Philosophie und des Buddhismus allgemein, dafür zu sorgen, daß es uns und auch den anderen gut geht. Denn wenn es uns gut geht, profitieren davon auch die Menschen in unserem Umfeld – und umgekehrt. Wie tief dieses Grundprinzip im Buddhismus verwurzelt ist, zeigt sich zum Beispiel daran, daß die Bodhisattvas, erleuchtete Menschen, die eigentlich nicht mehr in den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zurückkehren müßten, freiwillig in die Welt zurückkommen (etwa als Dalai Lama), um den Menschen auf ihrem Weg zu innerer Stärke und dauerhaftem Glück zu helfen und das Leid in der Welt zu mindern. Auch die Shaolin-Mönche verfolgen diese Absicht. Eine wesentliche Voraussetzung auf diesem Weg zum Glück in der Welt ist, sich selbst und anderen gegenüber achtsam und freundlich zu sein, gemäß dem Goethe-Zitat: »Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen, so zu werden, wie sie sein könnten.« Mit dieser Haltung tragen wir dazu bei, daß das Leid auf der Welt immer weiter schrumpft, genau wie der Dämon in der Shaolin-Geschichte.

Quelle und Buchempfehlung: „Shaolin – Das Geheimnis der inneren Stärke“ – Autoren Dr. Thomas Späth, Shi Yan Bao – Gräfe und Unzer Verlag GmbH München – ISBN: 978-3-8338-0378-9

*1) – mit kleinen Ergänzungen vom Publizierenden

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2 Gedanken zu „Der wutverzehrende Daemon – Eine Shaolin-Geschichte

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